Feierabend-Rebellen

Veröffentlicht am 4. Juli 2014 von Carola Wiegand

Premiere der Seniorentheatergruppe
am Landestheater Eisenach

theater670Das professionelle Theater sind die Lackschuhe und das Amateurtheater die bequemen Sandalen. Diesen Vergleich finde ich sehr sympathisch. Meisterhaft-gekonnt sind sie beide. Qualität, Herzblut, Engagement und imposante Charaktere zeichnen beide gleichermaßen aus. Doch für manche hat das Amateurtheater noch immer eine gewisse Nachrangigkeit gegenüber der oft spektakulären Dauerpräsens der Profis. Die Amateure werden eher als lokale Bereicherung der Kulturszene gesehen, als Bildungsprogramm für alle, die Profis als Hochkultur und Dauerjahrmarkt der Eitelkeiten.
Eisenachs Seniorentheatergruppe „Spätsünder“ feiert Premiere auf der großen Bühne des Landestheaters mit dem Stück „Herbsterwachen“. Das Stück von Stephan Rumphorst spielt in einem Eisenacher Feierabendheim, welches geschlossen werden soll. Ein Immobilienmakler möchte, dass auf diesem Gelände ein hippes Anti-Aging-Center entsteht, was Geld bringt und nicht verschlingt. Aber da es ein Stück „Mutmachtheater“ ist, wie Rumphorst sagt, kommt es natürlich anders. Die vermeintlich senilen Alten proben den Aufstand. „Man kann schließlich alte Bäume nicht so einfach verpflanzen“ und über das Älterwerden muss diskutiert werden. Obwohl sich alle Bewohner in einer mehr oder weniger behaglichen Heimidylle eingerichtet haben, kommt es hin und wieder zu kleinen Zwistigkeiten. Wunderbar inszeniert von Stephan Rumphorst und fabelhaft gespielt von 16 Laiendarstellern. „Herbsterwachen“ erzählt von Rückzug und Einsamkeit, von kleinen Rechthabereien und Stützstrümpfen und vom Kampfgeist, der plötzlich wieder erwacht. Ein kleiner Damenchor kommentiert das Geschehen vom 1. Rang aus. „Ich höre, die machen Revolution“ singen sie. Ihr Gesang ist von fideler Leichtigkeit und berauscht von Hanfkeksen. Schwester Magdalena, gespielt von Britta Waldner, sieht sich in guter Tradition zu ihrem großen Vorbild, Hildegard von Bingen, wenn sie heimlich und illegal Hanf im Seniorenheim anbaut und die Bewohnerinnen Kekse daraus backen lässt.
Jeder lebt seine Marotten. Diese kleine, heimelige und ein wenig schrullige Welt droht in Gefahr zu geraten als der Immobilienmakler, Franz Winter, gespielt von Klaus Schulz die Bühne betritt. Winter liefert sich einen erbitterten Kampf mit seiner geschiedenen Frau, Jutta Sunne, gespielt von Ramona Pfeiffer. Hier peppt köstlicher Wortwitz und eine Anspielung auf den Sommergewinn das Stück charmant auf.
„Herbsterwachen“ ist Programm. Es geht um den Umgang mit älteren Menschen und den ewigen Zwiespalt, dass die Jungen sich bevormundet fühlen und die Alten sich abgeschoben. Fast alle gängigen Klischees des altseins werden bedient, die jedoch zur Freude der Zuschauer, nicht allzu betroffen machen oder mit flachen Unterstellungen des Alters daher kommen. Rumphorst ist es sehr wichtig, dass das Spielen auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ jedem Spaß und Lust und Laune bringt. Seine „Akteure aus dem Feierabendheim“ müssen ihre Energie auf die Bühne bringen und das Publikum mit ihrem Spielspaß verzaubern.
Die wöchentlichen Proben erfordern viel rührige Rastlosigkeit und Ausdauer. Sehr lange muss geübt werden. Unzählig wohlwollende und hilfreiche Ansagen vom Regisseur und seiner Assistentin, Madlen Lamm, sind erforderlich, bis der Vorhang zur Premiere hoch geht.
Die Akteure nach dem Warum gefragt, antworten: „Das Theater braucht nicht nur junge Leute und es bringt mir das totale Hochgefühl. Wann hat man das noch in unserem Alter? Ich bin nicht allein, hier kann jeder seine Schrullen leben. Und wenn ich mal meinen Text vergesse, glauben die Besucher, dass es ein besonders witziger Einfall ist. Das nimmt mir den Druck, perfekt sein zu müssen.“ Andere sagen, dass sie sich im Spiel selbst erproben wollen. Ihr größtes Vergnügen liegt darin, sich in eine andere Person zu versetzen. Allen ist wichtig, lebensfroh-heitere, aber nie seichte Unterhaltung zu bieten, wobei Schmunzeln Pflicht ist, besser noch, lautes Lachen.
Das pfiffig entwickelte Konzept von Rumphorst ist wie Luftholen für Herz, Hirn und Seele. Die Alten lassen sich infrage stellen und antworten mit Humor. Sie machen Kultur zum Anfassen. Seniorentheater hat für mich eine große Faszination für Kreatives und Alltägliches.
Es gäbe noch so viel zu erzählen von diesem exzellenten Stück und all seinen so wunderbaren Akteuren. Jedoch ich sollte mich beschränken. Ich darf nicht mehr verraten. Dennoch, wenn Sie sich heute Abend das Stück selbst anschauen verspreche ich Ihnen, dass sie auf jeden Fall das Theater verzaubert und vergnügt verlassen werden genau wie ich nach der Generalprobe.
Chapeau allen Akteuren!

Carola Wiegand


2 Comments »

  1. calu sagt:

    Es war mir ein besonders großes Vergnügen dabei zu sein und mir darüber Gedanken zu machen!

  2. sIGRUN sagt:

    ES WAR EIN SEHR GUTES sTÜCK UND HERVORRAGEND GESPIELT.Da ich ein Fan der Spätsünder bin, war ich gespannt auf die diesjährige Aufführung. In den vorangegangen Auftritten wurden die Rollen perfekt auf jeden abgestimmt. Die diesjährige Aufführung- man hatte den Eindruck- dass ein durcheinander herrschte. Rollen waren nicht optimal besetzt. Gerade eine Britta Waldner, welche sehr gute schauspielerische Fähigkeiten besitzt, wurde nicht gut eingesetzt. spielte aber ihre kleine Rolle wieder sehr gut und überzeugend. Schade. Vielleicht ist es ja in diesem Jahr anders. Ich wünsche mir wieder ein wunderschönes Schaustück.

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