Damals gab’s das nicht!

Veröffentlicht am 22. August 2014 von Carola Wiegand

Von Vergangenem und Verflossenem

schriftblatt1Ich bin eine Freundin des modernen Lebens und halte nicht sehr viel von Sprüchen wie: Früher war alles besser. Das einzige, was früher besser war, ich war jünger.
Eine andere, nostalgische Rückschau hält keiner seriösen Analyse stand, sagt der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt. „Zu keiner Zeit war die Kindersterblichkeit geringer und die Lebenserwartung höher als heute. Ob die Emanzipation der Frauen, die medizinische Versorgung, Bildung oder Kommunikation, die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Paaren, die Meinungsfreiheit und der allgemeine Lebensstandard, heute ist alles besser.“
Damit, so könnte man meinen, ist jeglicher Verklärung der Vergangenheit der Boden entzogen. Dennoch „beschwören“ viele die alten Zeiten und behaupten das Gegenteil. Warum nur? Vergangenes und Verflossenes wird verherrlicht und mit einem „goldenen Schleier“ umhüllt. Das Gestern wird zum Eldorado des „Besseren“. Nostalgisches Lamento lässt sich noch einigermaßen ertragen, ohne Jammern oder Nörgeln. Zugegeben – amüsant erzählt, sorgt es für ein wohliges Gemeinschaftsgefühl, ist unterhaltsam und bringt Spaß.
Doch neulich fragte mich eine Freundin mit sehr genervtem Ton: „Kennst du das Gefühl, wenn einer mal wieder alles besser weiß, obwohl er keine Ahnung hat?“
Sich an früher erinnern, um scheinbar nachzuweisen, wie viel besser da alles war, lässt sich oft schwer ertragen. Der Erzählton schwankt zwischen Melancholie und Ausraster. Die immer gleichen Sprüche nehmen groteske Züge an. Ganz nach dem Motto: “Wir reden es uns schön.“ Große und kleine Fortschritte werden abgetan als das Elend unserer Zeit.
Wer zu sehr in seine Vergangenheit „verliebt“ ist, sieht überall die große Ungerechtigkeit, den Kulturverfall und den, der deutschen Sprache und die immer frecher und dümmer werdenden Kinder, einfach die allgegenwärtige Unfähigkeit.
Warum erinnern wir uns so wenig an die Dinge, die früher so völlig unmöglich schienen. An Flüsse ohne schimmernde Schaumkronen, an kernlose Weintrauben oder einen homosexuellen Bürgermeister, das Internet, das Ende der Atomkraft und den Zusammenbruch des Kommunismus? Um wie viel besser leben wir mit ihnen!
Lamentieren ist so alt wie die Menschheit und gehört irgendwie dazu. Vielleicht liegt es auch daran, dass man nur in der Rückschau bewerten kann, was sich bewegt hat. Das tägliche Tun verstellt den Blick aufs große Ganze.
Wer in seine „Ost-Vergangenheit“ zurückschaut glaubt immer, sich für seine Erinnerungen rechtfertigen zu müssen. Viele haben ein besonderes Gespür für leise Zwischentöne und pragmatische Lösungen entwickelt, fernab vom High-Tech Mainstream, die heute in einigen Fällen durchaus noch handlungsrelevant sein könnten. Doch ihre Erfahrungen und ihr Wissen sind nichts mehr wert, entsorgt in einer Wegwerfgesellschaft. Das schmerzt.
Was ich persönlich wirklich ganz außergewöhnlich an meiner Vergangenheit finde ist, dass ich trotz größtem Getöse zwischen den Weltmächten immer in Frieden und in ständig wachsendem Wohlstand leben konnte und seit 25 Jahren auch in Freiheit!
Und wenn ich an meinen Zahnarzt von damals denke, ging es ihm mindestens ebenso schlecht wie mir, da ich ihn vor lauter Schmerzen mehrfach in den Finger biss. Oder will etwa jemand seinen Enkeln glaubhaft erklären, dass drei Fernsehprogramme und ein Testbild besser waren als heute ipad, youtube, smartphon und „1000“ Programme rund um die Uhr? Gab es früher ein Meer aus Feuerzeugen, gibt es heute ein Meer aus Handys! Was glauben sie, ist besser? Was heute das Internet für die Jugend, war früher die Eisenbahn für unsere Großeltern.
Das Alter neigt leicht dazu, die Vergangenheit zu idealisieren. Es lagen schon immer „Welten“ zwischen den Generationen und die heute, hat andere Möglichkeiten mit Informationen umzugehen und verfolgt frische Denkmuster, die von den Älteren manchmal abgelehnt werden. Praktische Kompetenz trifft auf neuestes Wissen, das fordert Toleranz. Doch nur gemeinsames Miteinander mit „Wohlfühlfaktor“ führt unweigerlich zu gegenseitiger Wertschätzung. Klingt einfach und gut, ist es aber nicht. Ich fürchte vielmehr, dass die Nörgler und ewig Gestrigen nie aussterben werden.
Früher war nichts besser es war nur anders. Und das Leben in der Zukunft wird noch besser, davon bin ich überzeugt! Aber das weiß ja jeder selbst.
Alles wird gut, aber nie mehr wie es mal war! Stimmt!

Carola Wiegand


1 Kommentar »

  1. kicker sagt:

    Picco bello, der Text! Dem schließe ich mich voll an.
    Ich freue mich auf den nächsten!!

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