Viel Schönes im Schaurigen

Veröffentlicht am 24. September 2014 von Carola Wiegand

Leben bei den Latinos

Eine Chiva (Ziege)- heute als Party-Bus das Symbol für kolumbianischen Frohsinn, früher Universaltransportmittel für Mensch und Tier und Güter aller Art

Eine Chiva (Ziege)- heute als Party-Bus das Symbol für kolumbianischen Frohsinn, früher Universaltransportmittel
für Mensch und Tier und Güter aller Art

Guerilla und Drogen sind die größten Geißeln Kolumbiens. Doch das war mir nicht wirklich klar, als ich mich auf den Weg dorthin begab, um für lange Zeit mit meiner kleinen Familie dort zu leben. Und von Kulturschock hatte ich auch noch nichts gehört. Fluch oder Segen unserer DDR-Isolation. Somit fürchtete ich nichts.
Um es vorweg zu sagen: Kolumbien war für mich die große Freiheit, Luft holen, ein klitzekleines bißchen Glitzer und Glamour, großes Glück, unendliche Schönheit und nie gesehenes Elend zugleich. Es war keine touristische Reise in eine schöne heile Welt. Ich sollte eine ganz fremde Welt kennenlernen und meine eigenen Grenzen erfahren.

Kolumbien galt sehr lange als eines der gefährlichsten Länder der Welt, als ein Land ewig gewaltsamer Auseinandersetzungen. La Violencia, Pablo Escobar, Guerilla- und Drogenkrieg, Entführungen und Mord im ganzen Land.
Bogotá, die Hauptstadt, liegt auf einer Hochebene in den Anden, 2.640 Meter über dem Meeresspiegel. Sie war unser Ziel. Das gemäßigte Klima verleiht der Stadt etwas von ewigem Frühling. Blühen und Vergehen im endlosen Kreislauf. Ich konnte mir das Leben in einem so fernen Land nicht vorstellen. Wenn ich heute über diese lange Reise erzähle, strahlt mein Gesicht noch immer. Der Hinflug war aufregend und spektakulär. Jumbo Jet, Amsterdam, Paris. Viel mehr, als ich auf einmal verkraften konnte. Wir schreiben das Jahr 1979 und große Fernreisen hatten noch den Hauch des Außergewöhnlichen, anders als heute. Reisen gehört seit dieser Zeit zu den von mir am meisten geschätzten Ereignissen.
Wir wohnten in einem nördlichen Viertel von Bogotá. Unsere Wohnung war hübsch und sehr geräumig. Nur die kleine Kammer hinter der Küche war winzig. Die Toilette darin hatte keine Brille und als Dusche diente eine Brause in der Wand und ein Loch im Fußboden. Mir war lange nicht klar, für wen diese „Abstellkammer“ vorgesehen war. Erst später erfuhr ich, daß es die „Wohnung“ der Muchacha, des Dienstmädchens ist. Natürlich ohne Fester. Ich war entsetzt. Für mich war es das, wonach es aussah, eine Abstellkammer mit Toilette.
Was ich nicht wußte, die Stadt war zweigeteilt. Der Norden für die, die ihn sich leisten konnten, für alle anderen, die unvorstellbaren Elendsviertel im Süden der Stadt. Wir gingen auch dorthin, weil wir uns nicht annähernd vorstellen konnten, wie erbärmlich ein Leben sein kann. Täglicher Überlebenskampf, ständige Flucht, gewaltsame Übergriffe und unermeßliche Armut, die alles vernichtet. Prostitution und Überlebenskampf auf der Straße, doch niemanden kümmert’s. Alles Kategorien, in denen ich nicht denken kann. Mein vierjähriger Sohn und ich verkraften diese „Subkultur der Straße“ nicht. Wir weinen hemmungslos. Er bittet mich, jedem, der auf der Straße liegt, etwas Geld zu geben, um ihn zu retten. Ich fühle mich überfordert. Wir müssen wieder in unsere Welt. Diese Bilder gehen mir nicht wieder aus dem Kopf, ich verdränge sie. Wir sprechen oft darüber. Kolumbianer aus dem Norden der Stadt zeigen wenig Empathie mit den Elenden ihrer Stadt. „Wer dort lebt, ist selber Schuld“ lautet ihre kurze Antwort. Bei soviel Ungerechtigkeit, Leid und Elend beginne ich die Spirale der unendlichen Gewalt ‚Jeder gegen Jeden’ zu erahnen. Auch wir müssen jeden Tag auf der Hut sein, daß sie uns nicht trifft.
Kolumbien ist ein Land mit vielen Gesichtern und unser Leben bei den Latinos hatte auch sehr viel Schönes und Bezauberndes. Wir nutzten jede Gelegenheit das große Land zu erkunden und hatten uns gut mit allen Sicherheitsmaßnahmen abgefunden. Unser Alltag hatte einen kleinen Aktionsradius für mich und mein Sohn. Arbeiten im Departamento Comercial, Kindergarten in der DDR-Botschaft, Supermarkt in der Nähe und unser streng bewachtes Wohnhaus. Und die immer gleiche Gesellschaft von 15 anderen DDR-Familien. Hier habe ich viel gelernt über Toleranz und wie wohlwollendes Miteinander funktionieren kann.
In unserer Freizeit erkunden wir das Land und sind fasziniert von seiner maßlosen Schönheit. Von den riesigen Bergmassiven der Anden, die mir oft die Luft zum Atmen nehmen, den alten Kolonialstädten, der traumhaften Karibikküste und den einzigartigen präkolumbianischen Steinskulpturen in San Agustin, im Süden des Landes. Die üppig-verschwenderische Landschaft wechselt von „anmutig“ bis „schaurig-wild“ und beschert uns ungewöhnliche Einblicke und faszinierende Begegnungen.
Wir sahen und erlebten Unvorstellbares und Märchenhaftes in einer Widersprüchlichkeit, die schwer zu durchschauen und zu begreifen ist. Beides hat mich sehr berührt und geprägt. Ich habe Kolumbien nach dem Fall der Mauer wieder besucht, doch wunderbar rätselhaft ist das Land noch immer für mich.

Carola Wiegand


2 Comments »

  1. kickerhelene sagt:

    Das ist ein sehr schöner Gänsehaut Text! Vielen Dank. Kann ich da noch mehr dazu lesen? Würde mich sehr freuen. Ich schaue immer wieder nach.

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