Zeit

Veröffentlicht am 29. Dezember 2015 von Carola Wiegand

Warum vergeht die Zeit schneller, wenn wir älter werden?

Foto: C. Wiegand

Foto: C. Wiegand

Obwohl die Zeit objektiv einfach zu messen ist, spielt uns ihre persönliche Wahrnehmung uns nicht selten merkwürdige Streiche. Sie ist kompliziert und trügerisch. Trotz aller genialen Sinnesorgane fehlt uns jenes, um die Zeit zu messen, so dass sie individuell sehr unterschiedlich empfunden wird. Warum glauben so viele, wenn man älter wird, vergeht die Zeit immer schneller?
Die Zeit der großen Freude über jede Geburtstagsfeier ist bei mir schon lange vorbei. „Was schon wieder ein Jahr rum?“ Diese Frage macht einige glücklich, mich nicht. Ich bin mir sicher, dass die zweite Hälfte des Lebens schneller vergeht als die erste. Meine Nachbarn meinen dies übrigens auch. Steht die Zeitwahrnehmung wirklich in Relation zum Alter? Der Psychologe M. Wittmann erklärt dieses Phänomen so: „Je mehr passiert und wir uns daran erinnern, desto länger kommt uns die Zeitspanne vor.“ Deshalb bleiben uns Kindheitserinnerungen so lange im Gedächtnis haften. Alles ist neu und muss erkundet werden, jede Empfindung, jedes Gefühl, jedes Ereignis was zum ersten Mal passiert bleibt in Erinnerung. Mit Urlaub lässt sich kurzzeitig der gleiche Effekt erzielen, sagt Herr Wittmann. Zeiten mit intensiven Erlebnissen werden als länger wahrgenommen. Doch dann, wenn man alles kennt und es sich wiederholt, ist der Zauber des Neuen vorbei und die Zeit verfliegt wie im Nu. Unsere Wahrnehmung ist paradox! Wissenschaftliche Experimente belegen, dass das subjektive Zeitgefühl veränderlich ist. Routine lässt die Zeit rasen. Sie ist nichts Besonderes und wird deshalb wenig wahrgenommen. Sie hinterlässt nichts, außer, sie vergeht schnell.
Genau mit diesem Gefühl beschließe ich immer wieder, endlich Tagebuch zu schreiben, um nachlesen zu können, was mit meiner Zeit passiert ist.
Mit dem Älterwerden ist eine Abnahme von neuen Eindrücken zu verzeichnen. Auch meine Zeit der großen Vorkommnisse liegt einige Jahre hinter mir und wird von Routine und Bekanntem abgelöst. Lebenserfahrung ersetzt Entdeckergeist. Klingt nach gelegentlicher Eintönigkeit, ist es vermutlich auch. Doch soll das jetzt heißen, dass ich in einer Gewohnheitsfalle sitze und nicht mehr mitbekomme, wie das Leben an mir vorbei rast? Ein gruseliger Gedanke, gegen den ich mich wehre. Obwohl tendenziell ältere Menschen weniger offen für Neues und Unbekanntes sind haben die Entwicklungspsychologen herausgefunden, dass man dieser merkwürdigen Wahrnehmung des Verstreichens der Zeit entgegenwirken kann. Sich wieder für Neues zu öffnen kann dieses Gefühl abbremsen. Hauptsächlich sind es die stark (positiv wie negativ) erlebten Momente und Situationen an die man sich bewusst erinnert.
Folglich geht es in jedem Alter darum, sich immer wieder neue Eindrücke und umwerfende Erinnerungen zu verschaffen. Je mehr neue Emotionen und Ereignisse ins Spiel kommen und „Speicherplatz“ in unserem Gehirn beanspruchen um so länger kommen sie uns vor. Ratgeber haben hierzu mehrere Vorschläge parat. Wöchentlich etwas Neues lernen wirkt z.B. jeglicher Alltagsmonotonie entgegen. Beim Verlassen unseres bequemen Alltagstrotts und unserer mühsam errichteten Komfortzone begegnen wir ganz bestimmt einer persönlichen Herausforderung und erleben weniger Alltag. Zugegeben ist das alles nicht so einfach getan, wie geschrieben und bedarf einer gewissen Überwindung. Hin und wieder bin ich meinen eigenen Hindernissen im Kopf auf die Schliche gekommen und habe Neues ausprobiert. Meine persönlichen „Mutproben“ an dieser Stelle genauer zu beschreiben, würde ich als wichtigtuerisch und eitel empfinden, deshalb lasse ich es. Doch der Lohn ist einzigartig! Dabei hat mir das Streichen von Sätzen wie: „Ich bin schon zu alt dazu“ , „Das ist nichts mehr für mich“ oder „Das schaffe ich nicht“ sehr geholfen und ich habe mir das wunderbare Gefühl – Grenzen zu überschreiten – geschenkt. Von den Erinnerungen ganz zu schweigen.
Neugier und Interesse sind Eigenschaften, die Menschen auszeichnen, egal ob jung oder alt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie angeboren sind und ihnen per se der Wesenszug innewohnt, sich überraschen zu lassen und lernen zu wollen. Neugier mit kindisch, naiv oder gar unbedarft zu verbinden wäre dumm.
Also nutzen wir sie und bescheren uns selber immer wieder intensive Erlebnisse, die länger im Gedächtnis bleiben und uns glauben lassen, dass wir selbst Einfluss auf unser subjektives Zeitgefühl nehmen können. Mal aus der eigenen Idylle auszubrechen verspricht neben einem turbulenten Leben auch ganz großes Vergnügen!
Eines scheint mir ganz gewiss: Von den vielen Unergründlichkeiten unseres Lebens ist das Gedächtnis mit seinen Erinnerungen eine.

Carola Wiegand


2 Comments »

  1. Calu sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Der Kaffee ebenfalls. Lohn sich mal hinzufahren!

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