Ein Postfach in der Schweiz

Veröffentlicht am 12. April 2016 von Carola Wiegand

Postfach in der Schweiz – Bild: G. Wiegand

Postfach in der Schweiz – Bild: G. Wiegand

Ein Postfach ist ein abschließbares Fach. Ein geheimes Arrangement zum Aufbewahren wichtiger Dinge. Diese verschließbaren Abhol- und Auf­be­wahrungs­fächer werden bankdeutsch „letter boxes“ genannt“. Sie sind vertraulich, verbindlich, verlässlich, auch für „schwarze Mäuse“ geeignet. Haben Sie auch gehört, dass diese Art der Aufbewahrung legal und sehr sicher ist? Oder klingt es für Sie eher geheim und illegal?

Smart und clever gibt es nicht wenige Zeitgenossen, die etwas zu verbergen haben, vor ihren Gläubigern, dem Ehepartner, dem politischen Gegner oder den Ermittlungsbehörden. Sie parken einen Teil ihres Mammons in der Schweiz, weil alle anderen Aufbewahrungsmöglichkeiten zu klein wären oder nicht geheim und sicher genug. Diese Postfächer gehören zur Schweizer Klischee-Kultur wie Schoggi, Uhren, Käse, Berge und Heidi und gaukeln Sicherheit in unsicheren Zeiten vor. Sie stehen für alles, was man mit der Schweiz verbindet: Diskretion, Zuverlässigkeit und allerlei Geschäfte.

Die Schweiz, das beste Land der Welt“, diese Aussage ist vollkommen angemessen. Urban bewaldete Hügel, hohe Berge, schöne Seen, provinziell und niedlich. Diese Schönheit ist nicht verhandelbar. Wäre da nur nicht der Irrwitz mit dem Geld und den geheimen Fächern. Die Schweizer und ihre Geheimfächer sind natürlich nichts für jedermann. Doch ich habe auch eines in der Schweiz. Ich gebe zu, nicht nur einen, sondern mehrere Schätze in der Schweiz zu haben. Und mein Postfach dient u.a. dazu meinen großen Schatz nicht aus den Augen zu verlieren.

Kindergartenkinder lieben Geheimnisse und pflegen sie als kostbaren Besitz. Ihre Welt ist voller Magie. Sie verstecken Schätze und geheime Botschaften. Alles ist „Top-Secret“, nichts darf verraten werden. Es gibt „schöne“ und „schlimme“ Geheimnisse, die an sich von Einfallsreichtum und Kreativität in jedem Alter zeugen. Im „Geheimclub“ der Kinder sind es zumeist „schöne“ Geheimnisse die zu bewahren sind. Die „schlimmen“ kommen erst später hinzu. Generell haben Heimlichkeiten den Nachteil, wenn sie gelüftet werden, ist der Zauber weg.

Planeten, Ameisen, Zahlen oder Farben können spannende Projektthemen im Kindergarten sein. Projektarbeit heißt es, soll die Kinder neugierig machen und Familienmitglieder aus nah und fern mit einbeziehen. Ich bin die Oma aus der Ferne und meine großen Schätze in der Schweiz heißen Linda und Paula. Das Thema im Kindergarten von Paula lautete: „Der Schweizer Post auf der Spur“. Spannendes erleben, Unbekanntes kennenlernen und eigene Erfahrungen machen. Mit Spielen, Zeichnen und Warten auf Post im eigenen Postfach lernen die Vierjährigen wie die Post funktioniert und welch wichtige Aufgaben sie zu erfüllen hat. Die Kinder lernen, dass man mit dem Postbus die entlegensten Stellen in der Schweiz erreichen kann und dass der Postbus der Nachfolger der Postkutsche ist und in der Schweiz sowohl Briefe und Päckchen aber auch Menschen in alle alpinen Seitentäler transportiert. Sie erfahren, dass auch heute noch das charakteristische Dreiklanghorn Töne aus der Ouvertüre zur Oper des Schweizer Nationalhelden „Wilhelm Tell“ erklingen lässt, um auf den sehr engen Bergstraßen die entgegenkommenden Autos zur Vorsicht zu mahnen. So lernen die Kindergartenkinder nicht nur etwas über die Funktion und Arbeitsweise der Post mit ihren Postfächern sondern auch ihren größten Schweizer Freiheitshelden kennen.

Ich erhielt eine freundliche Bitte vom Kindergarten etwas in dem „geheimen Postfach“ von Paula W. zu hinterlegen. Einen Brief oder sonst etwas Geheimes, das zu öffnen sicher ein Höhepunkt für jedes Kind sein sollte. Der Bitte bin ich mit größtem Vergnügen nachgekommen. Ein Brief ist geheim, damit habe ich begonnen. Wussten Sie, dass der eigentliche „Erfinder“ des Geheimnisses Martin Luther war? Er übersetzte den Begriff „Mysterium“ als „Geheimnis“ ins Hochdeutsche. Seitdem ist das Geheimnis in der Welt und ein Markenzeichen für die Schweiz. Dem Brief folgte ein Päckchen mit Süßigkeiten, einem Vorlesebuch und Spielen für alle Kinder und nur Paula durfte das Geheimnis des Päckchens lüften. Somit weiß bereits meine vierjährige Enkeltochter fast alles über ein geheimes Postfach. Es ist nie zu früh, mit den wichtigen Dingen zu beginnen.

Da nicht nur meine bezaubernden Enkeltöchter sondern auch Ihre Eltern dort leben steht für mich die Eidgenossenschaft mit ihrem „Kantönligeist“ für helvetische Faszination, Liebenswürdigkeit und Einfallsreichtum. Mein Schweizer Postfach ist für mich nicht nur geheimnis- und erwartungsvoll sondern auch eine sehr lauschige Lokalität!

Wussten Sie, dass Schweizer Banken etliche Erben für verwaiste Schließfächer noch immer suchen? Schauen Sie lieber mal nach. Vielleicht finden Sie ja auch einen Grund an ein geheimes Schweizer Postfach zu schreiben.

Carola Wiegand


2 Comments »

  1. vanessa p. sagt:

    Hey, wunderschönes Mädchen und guter Artikel. Gefällt mir gut dieser Zusammenhang.
    Schau auch gleich mal nach! Danke!

  2. sonnenhase sagt:

    wunderbarer Artikel. Eine Verbindung zwischen dem allerschönsten und dem Häßlichsten hinzubekommen. Gratulation!!

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