Die schönsten vergessenen Wörter

Veröffentlicht am 11. Mai 2016 von Carola Wiegand

BücherWorte sind frei. Von Worten lässt man sich gerne bezaubern und Worte zeigen, wie sich die Welt verändert. Neue entstehen und alte verschwinden. Begriffe geraten in Vergessenheit, dass heißt sie werden nur noch selten gesprochen. Bedrohte Wörter erkennt man daran, dass sie sich ein wenig putzig anhören oder sich im Mund sperrig anfühlen. Häufig geraten Formulierungen in Vergessenheit, weil es die Sache an sich nicht mehr gibt, z.B. Bandsalat oder Wählscheibe oder sie werden durch neuartige Wortschöpfungen ersetzt, wie String-Tanga für Schlüpfer. Einige sagen, dass die neuzeitlichen Begriffe die bisher einfachen und geerdeten Dinge überhöhen und entfremden. Die täglich neu hinzukommenden Wörter sind zwar ein erfreulicher Ausdruck von Multikulti in der deutsche Sprache und haben auch etwas Entspanntes, bedrohen jedoch immer mehr und schneller die vom Aussterben bedrohten Begriffe. „Blümerant“ klingt doch amüsant und kess, ist aber die saloppe Beschreibung eines „elenden Gemütszustandes“ und heute fast in Vergessenheit geraten.
Das digitale Zeitalter eröffnet der Wortschatzerweiterung ganz eigene Wege. Mailen, twittern, chatten, posten, liken. Prof. Klein von der Universität Nijmegen sagt, „… neue Gegebenheiten brauchen neue Wörter“. Sie sind cool aber inhaltsleer, nörgeln Kulturpessimisten, geprägt von Vereinheitlichung und Abkürzung, von betörender Schlichtheit oder einfach nicht zu verstehen. Dem widerspricht der Germanist, Sprachliebhaber und scharfsinnige Beobachter der Alltagssprache, Prof. Schellenberg vehement: „Die deutsche Sprache ist 1200 Jahre alt und kerngesund. Der Sprachschatz war noch nie so groß und differenziert wie heute.“ Er umfasst 500 000 Wörter, wir benutzen im Alltag ca. 400 bis 800 per SMS sogar nur 200. Wobei sich Anglizismen immer größerer Beliebtheit erfreuen. „Alles halb so wild“ sagt ein Bericht „Zur Lage der deutschen Sprache“. Sie berühren die Struktur der deutschen Sprache kaum, schon gar nicht ihren Reichtum.
Nur hin und wieder befällt mich eine kleine Angst, den Anschluss zu verlieren, nicht mehr zu verstehen, wie unsere digitalisierte Welt funktioniert. Immer dann, wenn mich jemand mit der größten Selbstverständlichkeit etwas fragt, wovon ich noch nie etwas gehört habe. Kennen Sie „asap“? Ich habe keine Ahnung. Es ist die Vernarrtheit einer Sprachgemeinschaft, mit ihrem Internet-Slang, die mich manchmal verunsichert. Nichtwissen bereitet Stress und fühlt sich ausgeschlossen, gestrig und angestaubt an. Meine wunderbaren Söhne konfrontieren mich hin und wieder mit Wortschöpfungen, die mir fremd sind. Nachfragen bringen regelmäßig schmunzelndes Achselzucken. Nachdem ich mir Sinn und Inhalt jener „Wortschöpfungen“ zugänglich gemacht habe, überfällt mich die nächste Unsicherheit. Kann ich die, nun verstandenen Worte auch benutzen oder mache ich mich komplett lächerlich mit einer Jugendsprache, die nur bedingt zu mir gehört? Doch stellt sich auch immer wieder großes Vergnügen und beachtliche Heiterkeit ein, wenn ich nach einem „Campingbeutel“ frage, einem Ding, welches keiner mehr kennt.
Einzelne Worte sind unterschiedlich stark bedroht, habe ich gelesen. Sie erfahren manchmal auch eine Bedeutungserweiterung. Wussten Sie, dass „Ratzefummel“ nicht nur für Radiergummi steht, sondern auch eine Bezeichnung für das Papstgewand ist?
Mittlerweile gibt es zahlreiche Bemühungen, bedrohte Worte zu sammeln, zu reanimieren und die Schönsten zu küren. Kleinod, blümerant, Dreikäsehoch, Labsal, Augenstern, Lichtspielhaus, fernmündlich, bauchpinseln, hold und Schlüpfer sind die Gewinner.
Und es gibt ein Wortmuseum, das Wörter ausstellt, pflegt und bewahrt. Das Museum errichtet besonders auserwählten Worten ein Denkmal. Z.Zt. gibt es 52 Wortdenkmäler, von dem eines, „brandschatzen“, dem Literaturnobel­preis­träger Günter Grass nach einer besonders „wortintensiven“ Lesung vom Wortmuseumsdirektor K.U. Rohn übergeben wurde. „Lustwandeln“, „Not­groschen“ und „Fräuleinwunder“ gehören ebenfalls zu den Wortdenkmälern.
Oft muss man sich die alten Worte auf der Zunge zergehen lassen, um ihre Schönheit zu erkennen. Zu deren Bewahrung stehen überdies Wortschatz-Portale an Universitäten und eine Wort-Warte zur Verfügung um über das Wohl und das Nichtvergessen zu wachen.
Ziel der zahlreichen, nicht immer bitter- und bierernst gemeinten Unter­nehmungen ist es nicht, alt gegen neu auszuspielen. Es geht darum einen kreativ-bewussten und liebevollen Umgang mit der deutschen Sprache zu pflegen. Vom Wörtersterben würde ich nicht sprechen weil alle in vielfältigster Weise aufbewahrt und gewürdigt werden.
Die deutsche Sprache ist eine außergewöhnlich schöne Sprache, sagen Kenner, die sich auch weiterhin sehr bunt entfalten wird. Wörter altern und verschwinden im Laufe einer langen Zeit aus unserer Alltagssprache. Ein Blick in die Luther-Bibel reicht dazu aus. Sie wäre für uns Heutige nicht mehr verständlich. Doch auch bereits die Goethe Lektüre lässt wegen der immer größer werdenden sprachlichen Entfernung nach. Unsere Sprache hält so viele herrlich-packende und sinnlich-faszinierende Wörter parat und es liegt an jedem selbst, sie zu nutzen.
Gehen Sie übrigens noch gerne zum „Gabelfrühstück“ oder „Brunchen“ Sie schon?

Carola Wiegand


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