Amüsante Befindlichkeiten

Veröffentlicht am 2. Dezember 2017 von Carola Wiegand

Im schönen „Schweizer Schoggiland“ spricht man
die „Sprache des Herzens“

Als Deutsche kann man sich schon mal einsam fühlen in der Schweiz, weil man die Schweizer einfach nicht versteht. Hochdeutsch mögen sie gar nicht und noch viel weniger die deutsche Annahme, dass sie doch irgendwie sind wie wir. Hochdeutsch wird als fremd empfunden, da es für die Eidgenossen eine Sprache der Kälte und Distanz ist. Ihr Hochdeutsch ist holprig, ungelenk, zuweilen umständlich und nur für bestimmte Anlässe vorgesehen. Ihr Alltag gehört nicht dazu. Auch mögen die Schweizer die Deutschen nicht wirklich. Sie gelten ihnen als zu redegewandt und laut, arrogant und eine Spur zu selbstherrlich. „Ruck-Zuck-Deutsche“ eben. Für all das hegen die Eidgenossen mit ihrer vorzugsweise bedächtigen Kommunikationskultur wenig Sympathie. Sie fühlen sich sprachlich unterlegen, da ihnen eine gewisse „rhetorische Brillanz“ fehlt, sagt der Schweizer Journalist Bruno Ziauddin.
Und doch ist die Schweiz mein absolutes Lieblingsland! Ich gehöre zu einem „Schweizer Fan-Grüppli“ und unternehme jedes Jahr ein oder mehrere „Schweiz-Reisli“, weil meine halbe Familie dort wohnt. Ungewöhnlicher und amüsanter sprachlicher Eigensinn überraschen und verwundern mich allerdings immer wieder.
Zugegeben, leicht haben es die Eidgenossen mit ihren vier Landessprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch) und den unzählig vielen Dialekten auch nicht, was selbst untereinander zu Verständigungsproblemen führt. Nach der Frage, „was die Schweiz zusammenhält“ muss jeder Schweizer kurz nachdenken. Die Sprache ist es nicht. Es sind eher Dinge von übergeordneter Wichtigkeit wie Unabhängigkeit, Freiheit, Neutralität und eine entschlossene Geheimniskrämerei? So ist auch zu erklären warum sich berühmte Menschen und das große Geld die Schweiz als Wahlheimat ausgesucht haben, beide bleiben unbehelligt.
Durch eine gewachsene Mobilität im vergangenen Jahrhundert war es den „Alp-öhis“ (mein kleiner Sohn nannte sie „Alt-öli’s“) möglich, immer öfter ihre hohen Berge zu verlassen. So haben sich alle Dialekte mehr oder weniger zu einem „Schweizer Großraumdialekt“ vermischt, der als „Bahnhofbuffet-Olten“ bezeichnet wird, aber gleichwohl nicht zu verstehen ist. Für mich klingt alles verzwickt und „um die Ecke formuliert“. Zuweilen ein wenig schnurrig, aber das darf man nicht sagen.

Der helvetische Habitus, mit seiner deeskalierenden Höflichkeit, will nicht wirklich freundlich sein, ist er auch nicht“ sagt der Schweizer Kabarettist Andreas Thiel. Wenn es ernst wird spricht man hier ein „Wörtli“ nicht „Tacheles“, wie wir. Schweizer Ironie geht so: „Wissen Sie was? Sie haben Recht! Aber nur bis nach der Kaffeepause.“ Diese Höflichkeit dient dem Frieden, in der Schweiz und außerhalb.
Meine Enkeltöchter versuchen zu jedem Besuch mir ihre Sprache näher zu bringen. Ich verstehe inzwischen problemlos, wenn sie mich zum sMörgli (Frühstück) rufen und mich um Ankämödeli (Butter) bitten. Wenn sie mich allerdings zu einem „Mischtchratzerli“ (Hähnchen) fragen, gehe ich davon aus, dass sie sich ein spezielles Spielzeug wünschen. Mein Sohn, der schon lange in der Schweiz lebt sagt, dass z.B. „Chuchichäschtli“ nur dann drollig klingt, wenn es unklar ausgesprochen wird. Ansonsten gibt es an diesem Wort nichts auszusetzen.“ Hier wird mein ganzes Dilemma sichtbar.
Dialekt und Mundart spricht jeder Schweizer, egal welcher sozialen Schicht er angehört. Eine standardisierte Rechtschreibung dafür gibt es nicht. Jeder schreibt sein Dialekt nach Gefühl. Schwyzerdüütsch ist Emotion und Heimatgefühl, eben die „Sprache des Herzens“.
Die Eidgenossen bleiben gerne unter sich und immer mehr Deutsche sagen, es ist „kalt“ in der Schweiz. „Ich wollte hier leben, konnte mich aber emotional nicht ansiedeln.“ Sie gehen enttäuscht wieder zurück. „Gäste werden „maulfaul“ geduldet, weniger hofiert.“ „Gastfreundlich“ steht auf Platz 12 der Schweizer Eigenschaften, stellt das Institut Konso in Basel fest. Doch was ich überaus schätze ist, dass sich Schweizer nicht so wichtig nehmen, wie das Deutsche gerne tun.
Die direkte Demokratie der Eidgenossen gilt als Paradebeispiel für Bürgerbeteiligung nach der in Deutschland gelegentlich „gerufen“ wird. Für mich schlägt spätestens meine Bewunderung, das „Stimmvolk“ in alles einzubeziehen in amüsiertes Schmunzeln um, wenn ein Konsens auch dort gesucht und gefunden wird, wo gar keiner gebraucht wird.
Wussten Sie, dass das Schweizer Käsefondue ein urdemokratisches Essen ist? Jeder stochert dezent, bedacht und höflich im heißen Käse und nimmt sich so viel er kann. Bereits „Asterix & Obelix“, die französischen Comic-Helden, trafen auf ein skurriles Völkchen, das jodelt, Alphorn bläst, Uhren liebt, Käsefondue isst und allergrößten Wert auf das Bankgeheimnis legt. Klischees bleiben, so ist das eben.
Die Schweiz ist für mich ein „außergewöhnliches Vorzeigeobjekt“, höllisch interessant und mit eindrucksvollen Bergen. Zauberhaft und wundersam zugleich! Mit einer verblüffenden Sprache, die keiner versteht. Ein Land mit vielen Gesichtern.

Und, es ist und bleibt mein erklärtes Lieblingsland! 

Merci vielmals!

Carola Wiegand


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