Meine Fastengeschichte

Veröffentlicht am 21. Februar 2013 von Carola Wiegand

An einem kühlen und trüben Märztag machte ich mich auf einen langen Weg in Richtung Süden. Wie beschwerlich er werden sollte aber auch wie hilfreich, ahnte ich nicht. Ich setzte mich in mein Auto, das meinen Namen trägt, weil wir so wunderbar zusammen passen und los ging das Abenteuer.
Die Fahrt verlief ohne Zwischenfall, war vergnüglich für mich und ich hatte ein weiteres Mal die Bestätigung, daß ich eine sichere Autofahrerin bin. Das war keinesfalls immer so.
Viel Zeit sollte nach meiner Fahrprüfung vergehen, bis ich ernsthaft anfing Auto zu fahren und ein eigenes besaß. Ich war lange Zeit der Meinung, daß Autofahren nichts für mich sei. Ich hatte große Angst davor, daß gerade an jenem Tag, an dem ich fahre, etwas Schreckliches passieren könnte. So spielte ich mir lange Zeit selbst Streiche und versagte mir das Vergnügen eigener Selbstbestätigung.
. Diese Zeit ist lange vorbei. Inzwischen fahre ich mit meinem Auto überall hin und genieße es. Es gibt mir viel Selbstsicherheit. Das Geheimnis liegt nur im Üben und im Beistand einer wohlwollenden Person. So einfach ist es! Für mich wohlgemerkt ein langer Prozeß. Doch ich habe mich dieser Herausforderung des „Überallhinfahrens“ , auch der Langstreckenfahrten gestellt, habe sie gemeistert und genieße es heute, unaufgeregt und sicher unterwegs zu sein.

Mein Ziel, der Fastenort Glatt im Schwarzwald, war erreicht und mein Abenteuer konnte beginnen. Am Nachmittag trafen sich alle Fastenteilnehmer, es waren 17 Frauen und 4 Männer, um sich zunächst kennen zulernen und ihre Erwartungen an das Fasten zu formulieren. Es gab Freundliche , Erfahrene und Wichtigtuer.
Meine oberste Erwartung bestand darin, 3 Kilo abzunehmen, um figurtechnisch unbeschwert in den Frühling zu gehen und mit Vergnügen meine neuen Kleidungsstücke tragen zu können, sobald sich die erste Frühlingssonne zeigte und der Wintermantel eingemottet werden konnte.
. Der erste Abend endete mit der Einnahme eines aggressiven Mixgetränkes, dessen Wirkung sich erst in der darauf folgenden Nacht zeigen sollte.
Mein Zimmer in der Pension Talblick war sauber, geräumig und vor allem warm, was ich in diesen kühlen Märztagen sehr zu schätzen wußte. Das Bett war von mäßiger Bequemlichkeit und die erste Nacht endete mit der quälenden Vermutung, daß das Ende, so es denn irgendwann einmal kommt, so beginnen müsse, wie in dieser Nacht. Es ging mir plötzlich sehr schlecht. Ich dachte, mein Darm und mein Magen explodieren zur gleichen Zeit. Ich konnte weder liegen noch sitzen, nichts hat Linderung gebracht. Ich fragte mich zum ersten mal, warum tust Du Dir das an?
Am nächsten Morgen hatte ich fast nicht geschlafen und weiche Knie. Ein lähmendes Gefühl des Übelseins machte meine Knochen träge.
Wir trafen uns in der Pension Himmelreich , in der alle, außer Kathrin und mir, wohnten. Beim morgendlichen Teetrinken wurde das persönliche Wohlbefinden besprochen und das moralische Rüstzeug für die anschließende vierstündige Wanderung verteilt. Die Berichte, wonach sich fast alle in einem ähnlich beklagenswerten Zustand wie ich selber befanden, konnten mir nicht wirklich ein Trost sein.
Mein Innenleben hatte sich nach dem Teetrinken und dem guten Zuspruch durch Aloisia wieder etwas beruhigt, fühlte sich aber bedrohlich leer an. Wie ich das noch weitere 7 Tage aushalten sollte, wußte ich nicht.
. Zunächst beruhigte mich Aloisias Ansage, daß es sich am ersten Tag um eine nicht so ausgedehnte und mit schwierigen Anstiegen bestückte Wanderung handeln wird. Am Ende diesen Tages, wie an allen anderen auch, wußte ich es besser und relativierte von vornherein Aloisias Versprechen. Die Wanderungen waren allesamt eine Herausforderung ganz besonderer Art. Ich bin jeden Tag an meine Grenzen gestoßen und habe mich jeden Tag erneut überwunden.
. Für diese Erfahrung bin ich Aloisia sehr dankbar!

Ich habe mir für die Wanderungen meine eigene Strategie entworfen, um mein tägliches Ziel zu erreichen.
Kathrin, meine im Fastenwandern erfahrene Freundin sagte mir, daß man bei diesen langen Wanderungen dazu animiert wird, ob man will oder nicht, mit den anderen Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Man gibt im Laufe der Zeit sehr viel von sich preis und erfährt viel über andere. Da ich ein eher introvertierter Mensch bin bestand ein wichtiger Teil meiner Strategie darin, die Wanderungen für mich zu nutzen um ein Gespräch mit mir selbst zu führen und die Natur und meinen jeweiligen Zustand intensiv zu genießen. Ich hatte nur sehr bedingt bis wenig Interesse, die Lebensgeschichten der anderen kennenzulernen. Schnell habe ich herausgefunden, daß ich mich auf den langen, schwierigen Wanderungen am besten motivieren kann, wenn ich ganz vorne als erste oder zweite in der Wandergruppe laufe. So hatte ich nie das lähmende Gefühl des Hinterherlaufens. Ich war den anderen immer einige Schritte voraus.

. Aber ich merkte wohl auch, zu unseren morgendlichen Besprechungen und zu den Wanderungen entspann sich unter den meisten TeilnehmerInnen ein seltsam innigliches Verständnis für die skurrilsten Situationen des anderen. Alles, ansonsten suspekt Anstößige war verlorengegangen und wurde erzählt. Mir waren diese Gespräche zum Teil sehr befremdlich.
Am 2. und 3. Tag war ich froh aber verwundert, daß mich kein Hungergefühl quälte. Am 4. Tag hatte sich mein Körper an die neue Situation gewöhnt und es ging ihm besser. Meine Seele konnte sich diesem Zustand anschließen, da mein Bauch inzwischen wunderbar flach war, meine Hose sehr locker auf den Hüften saß und ich offensichtlich auf dem Wege war, mein Ziel zu erreichen. Ein perverser Lustgewinn.

. Für mein seelisches Wohlsein hat unsere Fastenleiterin Aloisia täglich sehr viel beigetragen. Ihr fürsorgliches und liebenswürdiges Wesen, ihre Meditations- und Yogaübungen und die interessanten Vorträge, aber auch ihre konsequente Intoleranz, wenn es ums Wandern ging, haben sehr zu meinem wieder erstarkten Wohlbefinden beigetragen. Sie war mir immer eine warmherzige und sehr wissende Gesprächspartnerin, in deren Nähe ich stets eine wohltuende, sich annähernde Distanz empfunden habe.
Ab dem 5. Tag und bis zur Heimreise verbesserte sich mein Zustand und meine Stimmung im gleichen Verhältnis, wie meine Pfunde dahinschwanden. Ich bin im wahrsten Wortsinn erleichtert nach Hause gefahren und zwar um 3,5 Kg. Aber um viele Erfahrungen und Überlegungen bereichert.
. Mit der Fastenwoche habe ich mir selbst einen Haltepunkt und Höhepunkt gegönnt. Habe meine Grenzen erfahren und bin über mich hinausgewachsen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man nicht immer vor einem reich gedeckten Tisch sitzen muß und es Vergnügen bereitet kann, einen Saft genußvoll zu löffeln.
Dieser Zustand wird nicht ewig anhalten, da nichts für die Ewigkeit ist. Und ich werde wieder Fasten, durch ein körperliches und seelisches Tal gehen und werde es auch dann vielleicht gestärkt verlassen.

UND: ich kann beim Fasten mitreden – aus eigener Erfahrung!


11 Comments »

  1. Anette sagt:

    Ich finde jeder sollte sich mal eine Auszeit nehmen. Namaste

  2. Markus sagt:

    hier ist ja nicht viel los… 😀

  3. Wirklich gut gemacht! Danke und Gruss!

  4. Madaline Momon sagt:

    Hi there, I enjoy reading all of your post. I like to write
    a little comment to support you.

  5. Yoga yoga yoga:) Meine Antwort auf jede Frage haha

  6. Harz Manfred sagt:

    Sehr guter Beitrag. Gibt es einiges was ich mir zu Herzen nehmen werde. Vielen Dank dafür !

  7. Paul sagt:

    Super Page.

    Nehme einiges an Mehrwert mit, Danke.
    LG

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