BuchTOUR

Veröffentlicht am 27. März 2013 von Carola Wiegand

Das dreizehnte Kapitel“ – Martin Walser

 

Ein außergewöhnliches Briefabenteuer und ein ebensolcher Liebesroman.

Ein außergewöhnliches Briefabenteuer
und ein ebensolcher Liebesroman.

Warum ich mir gerade dieses Buch von Martin Walser zum Lesen ausgesucht habe ist eine Geschichte, von der ich später erzähle, vielleicht?!
Ich wollte wissen, wie harmlos Briefeschreiben ist. Worte austauchen, zwischen zwei Fremden.

In Walser’s Roman ‚Das dreizehnte Kapitel’ geht es um die Liebe eines älteren Schriftstellers zu einer jüngeren Theologieprofessorin, die ausschließlich als außergewöhnliches Briefaben­teuer stattfindet.

Um es vorweg zu sagen, ein großartiges Buch!

Der Schriftsteller, Basil Schlupp ist glücklich verheiratet mit Iris, doch leidet er darunter, vom Leben nicht das Maximum zu bekommen. Er will mehr.
Bei einem Festessen des Bundespräsidenten sitzen sie an einem Tisch zusammen. Maja Schneilin, die Theologieprofessorin, bemerkt nicht, wie fasziniert Basil Schlupp von ihr ist. Von ihrer Erscheinung, ihrer Stimme, ihrem Gesicht. Basil beschließt ihr zu schreiben.

Wie Sie Ihren Kopf tragen! …Diese Gleichzeitigkeit zweier Zeiten. Eine Vierzehn- und eine Vierundvierzigjährige vollkommen vereint. Ihr Mund, diese Bereitschaft, mehr zu verschweigen als zu sagen.“

Er formuliert den ersten Brief so, daß Maja Schneilin ihm antworten muß. Sie fühlt sich geschmeichelt und antwortet ihm selbstbewußt, was ihn wiederum reizt. Für beide beginnt ein Briefwechsel, der bald mehr ist als gegenseitige Begeisterung und angedeutete Erotik. Sie gestehen sich alles, bis hin zum Verrat. Die Nichtrealisierbarkeit ihrer Unternehmung macht sie frei.

Sie und ich sagen einander, was wir keinem anderen sagen könnten. Was wir aber ungesagt nicht ertragen. Wir sagen einander das Unsägliche. Bitte, verhalten Sie sich dazu nicht. Das muß jeder von uns empfinden, wie er muß. Bloß keine Diskussion. Ich glaube, da sind wir einig.“
Sie sind Theologin. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Sie meine Zudringlichkeiten so sanft zur Kenntnis nehmen. Ich verbeiß mich in die Vorstellung, wir seien EINE Fakultät.“

walser2bEs gelingt Martin Walser, wie kaum einem anderen, das merkwürdige Glück der Unmöglichkeit mit verletzlich-weichen Worten und einer überschäumenden Ausdruckskraft zu beschreiben, in der sich ihre LIEBE zu einer bisher nicht erfahrenen Leidenschaft steigert. Er beschreibt lebensklug und bewegend, das das Leben und die Liebe ohne Hoffnung nicht leben kann.

Stilsichere Wortschöpfungen sowie selbstironisch-monologisierende Sätze lassen das Briefabenteuer in einer modernen Melancholie erscheinen.

Alles was zwischen beiden entsteht, ist aus Sprache gebaut und am Ende steht das endgültige Schweigen. Es bleibt die Einsicht, daß es unmöglich ist, die Liebe in der Ehe und die Liebe außerhalb zugleich zu leben. Ihre sprachliche Annäherung, die in keiner körperlichen Wirklichkeit endet, ist letztlich eine Bekräftigung ihrer jeweils eigenen Ehe.
Für mich schreibt Walser eine feinfühlend-schwärmerische Hymne auf seine Frau, der er das Buch gewidmet hat.

Ein Meisterwerk, exzentrisch und erfrischend schräg.
Sehr empfehlens- und lesenswert !!!


2 Comments »

  1. thea sagt:

    Ich habe das Buch auch mit größter Begeisterung gelesen. In der Tat die außergewöhnlichste Liebesgeschichte, die ich kenne. Vielen Dank! Sehr guter Tipp.
    Welches Buch wird als nächstes vorgestellt?
    LG Th.

  2. pia sagt:

    Perfekt! Wieder so ein wunderbares Buch, welches hier vorgestellt wird. Ich habe schon mit dem Lesen begonnen und kann nicht mehr aufhören. Danke für diesen guten Tipp. Martin Walser eben!
    Ein schönes Osterfest und LG P.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.