Lustvoll leiden

Veröffentlicht am 1. Mai 2013 von Carola Wiegand

– der sorgsame Umgang mit Melancholie

 

Melancholie - bittersüße Erinnerungen, Tummelplatz der Deutungen, Irritation des Gemüts, Hoffnung oder Resignation?

Melancholie – bittersüße Erinnerungen, Tummelplatz von Deutungen, Irritation des Gemüts, Hoffnung oder Resignation?

Ich denke über Dinge nach. Werde traurig oder vergnügt.
Ist das schon Melancholie? Für den einen ist es Verzweiflung, für den anderen Träumerei.

Die Melancholie braucht zum Sein nicht viel. Nur das Leben, wie es ist, bunt und absurd. Melancholie ist eine Mischung aus Nachdenklichkeit und Sehnsucht, aus Wehmut und Erinnerung. Ein wenig darunter leiden, dass etwas vergangen ist – wer kennt das nicht. Bittersüßer Hochgenuss oder verdrießliches Nachsinnen?

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Ein Waldspaziergang im Frühling ist pure Sinnlichkeit. Gerüche, Stimmen, Blüten, Gedanken. Melodien mischen sich mit Worten und eine undefinierbare Schwere beschleicht das Gemüt. Ein wohliger Schauer durchströmt den Körper. Sehnsucht nach dem, was man kennt und wieder erleben möchte, nach Vergangenem.

Willkommen liebe Melancholie!
Sie ist eine Kunst, wenn man es versteht, sie zu kultivieren.

Manchmal unternehme ich eine melancholische Zeitreise und reflektiere Erlebtes. Ich tue es auch deswegen gerne, weil kein Erlebnis in meinem Leben tragisch endete. Ich erinnere mich an Zeiten mit großer Sehnsucht für alles Westliche, die über meinem DDR-Leben schwebte. Eine Welt voll herrlich-gutriechender Dinge und einem naiven Glauben an eine bessere Gerechtigkeit. Ich träumte von der paradiesischen großen weiten Welt.
Heute weiß ich, dass dieser Westen eine Erfindung des Ostens war!

30 Jahre ist das her!

30 Jahre ist das her!

Ich erinnere mich an Familienleben und Geborgenheit, an ständiges unterwegs sein, um etwas zu „ergattern“ und an Schlange stehen überall da, wo es mehr als nur die Grundversorgung gab. Vieles taten wir aus Freude am Vergnügen, nicht aus Prestigegründen. Freunde waren echt und das Feiern ausgelassen. Und wir waren Meister der Improvisation. Geht nicht, gibt’s nicht – ich glaube dieser Spruch hat seinen Ursprung im Osten und pfiffige Werbestrategen haben ihn dann für den Westen entdeckt.

Doch auch viele Unzulänglichkeiten und Widersinnigkeiten regten mich auf. Die Allmacht und Rechthaberei der Partei machten meine Studentenzeit nicht nur beklagenswert sondern verursachten mir viele schlaflose Nächte. Ein abgeschlossenes Studium war jedoch per se eine Arbeitsplatzgarantie, wenngleich mit wenig individuellem Spielraum. Auch war zu vieles rhetorischer Schein, der mir heute ebenso, nur anders begegnet. Gigantomanie und Potemkinsche Dörfer kannte ich von früher. Ich sehe sie heute wieder, mit neuem Vorzeichen.

1. Mai früher  Ich erinnere mich an einen fröhlich-ausgelassenen Tag mit der Familie. Die ganze Stadt war auf den Beinen und später am Feiern. Ich hatte jedes Jahr Blasen an den Füßen, da ich meine neuen Schuhe ausführen durfte.  Ein Vergnügen, das ich bis heute beibehalte.

1. Mai früher
Ich erinnere mich an einen fröhlich-ausgelassenen Tag
mit der Familie. Die ganze Stadt war auf den Beinen
und später am Feiern. Ich hatte jedes Jahr Blasen an den Füßen, da ich meine neuen Schuhe ausführen durfte.
Ein Vergnügen, das ich bis heute beibehalte.

DDR – Plastegeschirr, gehasst und vernichtet, heute wieder gesucht und geliebt

DDR – Plastegeschirr, gehasst und vernichtet,
heute wieder gesucht und geliebt

Arbeit für JEDEN war in der DDR eine Selbstverständlichkeit und insofern nicht sonderlich gewertschätzt. Arbeitslosigkeit ist heute das allgegenwärtige Schreckgespenst. Sie lauert, bedroht, macht Angst und frisst Zukunft.
Heute impliziert eine gute Ausbildung nicht selten größere Unsicherheit.

Jens Reich schreibt in seinem Buch Rückkehr nach Europa :
Es ist wie der Abschied von der Schule, die man gehasst hat und die doch Teil des Lebens war. Man empfindet Erlösung, Befreiung, aber auch beklommene Wehmut.“ Diese Melancholie wird durch kein Argument ruiniert.

Es soll im Nachgang nichts beschönigt werden. Manches war ambivalent und das Schlechte dieser Diktatur wird allzu oft als vertane politische Chance verklärt. Für mich gibt es noch heute zu viele Extrempauschalierungen. Es fehlen Maß und Mitte, noch immer! Und der bessere Osten wird zu häufig mit einer „ linken Melancholie “ (Christa Wolf) belegt, den es so ebenfalls nie gab.

Trotzdem bleibt etwas, was meine Erinnerungen wärmt!
Und die Gegenwart stört keinesfalls den Blick in die Vergangenheit.


5 Comments »

  1. Frida sagt:

    Hallo, heute melde ich mich zu Wort. Gelesen habe ich Deine Blogs schon immer. Und sie gefallen mir alle sehr gut, Gratulation! Doch heute möchte ich was schreiben dazu. Ich bin sehr bei Dir, wenn Du schreibst „es fehlen zu oft Maß und Mitte“. Mir begegnet dieses Ungemach auch noch heute. Immerzu.
    Wie Du die Dinge beschreibst, finde ich sehr schön. Ich bin ganz bei Dir und danke Dir für Deine Gedanken und auch die Bilder!
    LG Frida

  2. calu sagt:

    Liebe Frida, schön, wenn Du es auch so siehst! Hzl. Grüße calu

  3. Frida sagt:

    Ich lese den Melancholie Blog so gerne und war heute wieder hier. Vielen Dank, Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Schade, noch kein neuer Blog
    Ich komme wieder. LG Frida

  4. Yvonne sagt:

    Mir aus dem Herzen gesprochen. Vielen Dank! LG Y

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