Zahlenmythos

Veröffentlicht am 21. Juni 2013 von Carola Wiegand

So bunt, wie das Leben

So bunt, wie das Leben

Meine Freundin ist 70 geworden und mir sind nicht wirklich herzlich-gelassene und beruhigende Worte eingefallen, um sie zu beglückwünschen. Egal welche ich wählte, sie hatten immer einen Hang ins Tröstliche, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ist es gut in diesem Alter angekommen zu sein? Warum mache ich mir überhaupt diese Gedanken? Sicher weil ich in diesem Jahr 60 werde. Und mit 60 ist man alt, definitiv. Das habe ich oft von anderen gehört und lange Zeit auch gedacht. Eine Null steht für nichts, jedoch nach einer sechs verzehnfacht sie diese. Für meine Geldbörse wäre das ein Glücksumstand, für mich persönlich bedenklich.
Zum Älterwerden gehören typische Anzeichen. Vergeßlichkeit, dem ewig Gestrigen verpflichtet, ein wenig Starrsinn und ich könnte noch mehr aufzählen, will ich aber nicht. Das stimmt alles ein bißchen oder auch gar nicht. Aber auch großzügig sein, mit allem was man hat und zu allen, die man liebt. Dem neige ich schon immer zu.
Was ich allerdings seit längerem bei mir feststelle ist eine Art Zeit-Geiz, der mich befallen hat. Ich verspüre immer weniger Lust, den extrovertierten Redeschwall von Zeitgenossen klaglos hinzunehmen. Ich versuche mich dieser „selbstverliebten Wichtigtuerei“ zu entziehen. Ich verschenke meine Zeit an Personen und an ein gutes Gespräch. So ist mein typisches Anzeichen vom Älterwerden – zeitgeizig zu sein.
Als ich 40 wurde sagte ein Freund zu mir: „Nimm es nicht so schwer mit der 40, das Leben geht weiter.“ Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. Aus heutiger Sicht war ich damals nicht sonderlich selbstbewußt eher ignorant. Als ich zehn Jahre später 50 wurde, verursachte dieses Ereignis Panik bei mir. Ich begab mich auf eine lange, weite Reise, alleine und vergaß den Geburtstag, wie alle anderen auch. So hat dieses Ereignis, nach meiner Logik, nicht stattgefunden. Es klingt paradox, ich weiß. Aber zufrieden war ich trotzdem. Ich konnte wunderbar damit leben, nie 50 geworden zu sein.
Mit der bevorstehenden 60 nun erwartet mich wieder ein Ereignis, das zu würdigen wäre. Ignoranz und Aufregung, ob der simplen Null, habe ich bereits hinter mir. Ich bin gelassener geworden angesichts nackter Zahlen, die mehr irritieren als aussagen.
Ab sofort plädiere ich dafür, daß Schluß ist mit allen peinlichen Interpretationen und Befindlichkeiten und grüße alle, die kein Problem haben vergnügt und gelassen älter zu werden.


5 Comments »

  1. Frida sagt:

    Was finde ich diesen Bitrag ausgezeichnet! Den könnte ich selbst geschrieben haben. Aber zugegeben, es ist nicht leicht, immer die richtige Haltung zur passenden Zahl zu finden.
    Ich bin so froh, dass es Dein Blog gibt und freue mich immer auf den nächsten.
    LG Frida

  2. Dorit sagt:

    Klasse geschrieben. Zahlen können manchmal schon nerven. Deiner Lösung schließe ich mich an.
    Ich komme wieder, Dorit

  3. Thankyou for this howling post, I am glad I noticed this web site on yahoo.

  4. Ingrid sagt:

    Mit Zahlen hatte ich wenige Probleme,da ich vorwiegend mit jungen Leuten befreundet war, ein wenig auch noch heute. Mit „58“ endlich mal wieder verliebt, nach 4 Jahren komplizierter Partnerschft, Tennung, keine Traute mehr. Nun rudere ich ende nächsten Jahres auf die „70“ zu und mache auch die Zweifel und Ängste durch. Grund: es ist zu viel Ungelebtes offen . So bleibt das Ziel „Übung der Galassenheit“.

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