Müßiggang – das schiefe Bild vom Alter

Veröffentlicht am 23. Juli 2013 von Carola Wiegand

Müßiggang

Müßiggang

Es gibt nicht viele, die ihr nicht zum Opfer gefallen sind, der protestantischen Arbeitsmoral! Wir haben sie verinnerlicht. Pünktlich, zuverlässig und fleißig gehen wir unserem Tagewerk nach. Früher stand der Erwerb eines angemessenen Lebensunterhalts im Vordergrund.

Lieber extravagant, als ignoriert

Lieber extravagant, als ignoriert

Heute wird Arbeit als Leidenschaft suggeriert und der Arbeitsplatz als Spielwiese. Flankiert wird dieser Zeitgeist von Einkommen, Ansehen und Wichtigkeit. Arbeit definiert unser Leben! Müßiggang, Zeitverschwendung, Bequemlichkeit und Ausschweifung haben darin keinen definierten Platz, für die Mehrheit.

Doch nun, mit Beginn einer neuen Zeitrechnung, dem Alter und der Rente, sind die meisten noch immer Sklaven ihrer Arbeitsmoral! Plötzlich steht das „Gespenst der Nutzlosigkeit“ vor der Tür. „Ich konnte mir eine Zeit ohne Arbeit und der damit einhergehenden sozialen Verachtung nicht vorstellen“ erklärte mir eine Freundin. „Ein ganzes Arbeitsleben lang war ich Nutznießerin meiner hehren Grundeinstellung, nun wird sie mir zum Makel.“

Genießen

Genießen

zeitlos schön

zeitlos schön

Wer das Berufsleben verlässt ist gezwungen, neu zu überlegen und frische Wege für sich zu finden. Das bisherige Verständnis von Spontanität, Sehen, was der Tag bringt und Genießen, muss unkonventionell neu definiert werden. Wer das nicht tut, ist verloren. Frühes Aufstehen und ein präziser Tagesplan riechen nach alter Arbeitsmoral. Diese ist jedoch vom Sockel der Erhabenheit und Allmacht zu stürzen! Das verlangt Mut, was heißt: Älterwerden ist nichts für Unmutige! Scheinbar Wichtiges wird nebensächlich und Nebensächliches wird wichtig. Wobei ich bei den schönsten Unwichtigkeiten im Alter angelangt bin: Schlendern, Genießen, spontan sein und ein wenig Flaneur. Trägheit und Schlendrian werden zu erstrebenswerten und glücklichen Momenten. Welchen Klang hat Bequemlichkeit, Müßiggang und Ausschweifung für Sie? Wer mit dieser neuen Dazugehörigkeit fremdelt, bleibt einsam. Die Marx’sche Erkenntnis, dass Arbeit der wichtigste Lebenssinn ist, wird entsorgt. Es ist die Zeit gekommen, sich mit den Ideen seines Schwiegersohns, Paul Lafargue, auseinanderzusetzen und dem „Recht auf Faulheit“. Doch sollten wir uns nicht allzu schwer tun mit dem Neuen.

Nichtstun

Nichtstun

Melancholischer Blick zurück

Melancholischer Blick zurück

Obwohl Hermann Hesse fand, dass der Müßiggang im Abendland nur von „harmlosen Dilettanten“ gepflegt wurde, scheint mir eine kleine Anleihe bei den „adeligen Bummelanten“, Bohémiens und den gehobenen Ständen hilfreich. Die Idee von amüsanter Trägheit, vom Nichtstun und vom Hang zur Freude entwickelte in diesen Kreisen über Jahrhunderte ein prächtiges Eigenleben, fernab von jeglicher Arbeitsmoral und begründete ihnen eine vergnügliche Existenz mit Anerkennung und hohem sozialen Status.

Zugegeben, es könnte sich alles sehr viel einfacher gestalten wenn man Genießen, Lesen, geselliges Miteinander, Nachdenken und Neues für sich entdecken auch als Arbeit (einer anderen Art) bezeichnen könnte. Ohne Selbstverachtung und schlechtem Gewissen. Dann müsste sich nichts ändern und wir nicht mutiger werden. Lassen wir mehr Individualismus zu und leisten uns den Luxus persönlicher Abweichungen im wunderbaren Strom des Älterwerdens. Und Müßiggang ist ein durchaus erstrebenswerter Zustand in jedem Alter, solange man sich dabei nicht langweilt, stellt der dänische Philosoph und Theologe, Sören Kierkegaard, fest.

Hang zur Freude

Hang zur Freude


5 Comments »

  1. Doris sagt:

    Hallo calu, schade, dass Müßiggang allgemein so einen schlechten Klang hat. Deine Betrachtungen finde ich sehr schön und hilfreich. Komme gerne wieder

  2. calu sagt:

    Danke für Deine Ansicht. Müßiggang und Langeweile passen irgendwie schon nicht zusammen, warum das nur so viele glauben?

  3. WONDERFUL Post.thanks for share..more wait .. …

  4. julia sagt:

    Ich sitze hier in köln und lese deine seite, die mir sehr gut gefällt. ich habe deine anmerkungen zum müßiggang verstanden, ich pflege ihn hin und wieder, heute in köln und es ist ein sehr schönes gefühl damit. ich lese deinen blog gerne wieder. julia

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