Der Salon – ein Ort des Außertäglichen

Veröffentlicht am 22. August 2013 von Carola Wiegand

Salon LEBENSKUNST. in Ruhla

Salon LEBENSKUNST. in Ruhla

Salons sind in der Tat ein schwer zu greifendes Sujet, obwohl der Begriff vielen durchaus vertraut ist. Denkt man an einen Friseursalon oder an edle Orte grenzenloser Glückseligkeit. Darüber möchte ich nicht berichten, sondern über jene, die gestaltet werden von einer Gastgeberin, der Salonière, und von künstlerischen Ambitionen. Salons hegen keinen Anspruch auf Homogenität. Jeder zeichnet sich durch seinen spezifischen Charakter aus, durch verschiedenste Themenschwerpunkte und die geladenen Gäste. Sie sind keine Orte allgegenwärtiger „Coolness“ sondern ein Ort des Außertäglichen, der Wärme und des aufmerksamen Gesprächs. Der Salon ist eine weibliche Domäne! Salonièren waren zu allen Zeiten Ausnahmeerscheinungen. Weitgereist, weltoffen und geistreich, so das gängige Klischee. Ihr allgemeines Ideal orientierte sich immer an ihrer Persönlichkeit und ihrer Ausstrahlung, doch spielten Qualitäten wie, Schönheit und Charme nicht selten eine beachtliche Rolle beim Gelingen des Salons.

Betrachtet man Salons im kulturhistorischen Kontext ist anzumerken, daß erste Vorläufer im „Musenhof“ der Eleonore von Aquitanien (1122-1204) verortet werden können, als Frauen begannen einen Platz in der „Männerwelt“ einzunehmen. Die Wurzeln der heutigen Salonkultur liegen in der europäischen Neuzeit, den Pariser Salons des 17. und 18. Jahrhunderts und den Berliner Salons, in der Zeit der Deutschen Klassik. Berühmt war zu jener Zeit der „Weimarer Musenhof“ der Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, dessen geistreiche Geselligkeit auch anziehend auf Goethe und Schiller wirkte. Doch überwog bei dieser bedeutsamen Geselligkeit ein stark höfischer Charakter, so daß er nicht im engeren Wortsinn als Salon gelten soll.

Salondamen - einstig

Salondamen – einstig

Unkonventionelle Frauen, wie Rahel Varnhagen und Henriette Herz führten die namhaftesten Salons ihrer Zeit. Sie waren jüdischer Herkunft. Frausein und Jüdin verstanden sie als doppeltes Handicap. Sie wollten sich nicht damit abfinden ausgeschlossen zu sein und gründeten eine neue Form der Geselligkeit, den bürgerlich-jüdischen Salon. Dort trafen sich über alle gesellschaftlichen Konventionen hinweg Männer und Frauen, Dichter und Denker, Schauspielerinnen und Mägde. Standesdünkel spielten keine wichtige Rolle und alle fühlten sich einem „Geistesadel“ und den Prinzipien von Gleichheit und Liberalität verpflichtet. So lag auch der besondere Reiz in der Zufälligkeit der Zusammensetzung der Salongäste und in ihrer Spontanität. Rahel Varnhagen inszenierte eine provokativ gemischte Geselligkeit als Gegenentwurf zu den, von Männern dominierten Adelsgesellschaften. Nicht das leibliche Wohl, wie in aristokratischen Salons, stand im Vordergrund, sondern das Wohl von Seele und Geist. Eine Teejungfrau reichte die typische Salonspeise, Butterbrote und Tee.

Die illustren Salongäste von heute

Die illustren Salongäste von heute

Alle Beteiligten sahen diese Geselligkeit als Kunstwerk und jeder agierte selbst wie ein Künstler. Rahel Varnhagen nannte sie ihre „Republik des freien Geistes“. Heinrich Heine bezeichnete Rahel als „geistreichste Frau des Universums“. Sie hatte mit ihren Salons zum ersten mal den Anspruch angemeldet, den ihr zugewiesenen engen Raum zu verlassen, um gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Legenden über Ausschweifungen, besonders bei Pariser Salons, sind legendär und beinhalten wahrscheinlich auch ein Körnchen Wahrheit. Exzentrische Gäste betrachteten die erlesene Atmosphäre des Salons nicht selten als Podium für spektakuläre Selbstinszenierungen und der Einritt der niederländische Tänzerin, Mata Hari, halbnackt auf einem Pferd, gehört zu diesen langlebigen Legenden einer längst vergangenen Zeit.
Die Ära der Salons à la Rahel Varnhagen und ihrer „Dachstubenwahrheiten“, wie sie sie selbst nannte, ist untergegangen. Sie wurden nach dem ersten Weltkrieg abgelöst von einer mondänen Unterhaltungskultur, von Kaffeehaus-Gesellschaften und anderen „Biersuppe-Geselligkeiten“. Doch fanden die Berliner Salons Anfang der 1990er Jahre im wiedervereinten Deutschland einen erneuten Aufschwung. Die meisten beriefen sich auf die Tradition der jüdischen Salons und wollten in Zeiten von Wandel und Globalisierung eine Begegnungsstätte für jene sein, die „Sehnsucht nach etwas Kostbarem“ hatten. Die neuen Salons widerspiegeln die seltsame Melange, den neuen Anforderungen nicht zu genügen und Verlorengegangenes zu bewahren. Salons sind noch heute ein flüchtiges aber lebendiges Phänomen, geprägt von ständigen Neugründungen und Niedergängen.

salon,deckblattbUngewöhnlich scheint der Salon „LEBENSKUNST.“ in der Kulturprovinz Ruhla, der sich fernab vom weltoffenen Berlin in seiner kleinstädtisch-lauschigen Kulisse ständig wachsender Beliebtheit erfreut. Die Gäste gefragt nach dem „Warum“, antworten, „…nicht bloß wegen des sehr liebenswürdigen Charakters, auch weil ich etwas mitnehme, was mir guttut, mich stärkt und zum Nachdenken anregt. Es ist mir wider Erwarten nichts elitäres, aber viel offener, feinsinniger und inspirierender Geist begegnet.“

Will man die fortschrittlichen Gedanken der Rahel Varnhagen auf das Heute übertragen, heißt das für Frauen, in allen Lebenslagen darauf zu achten, auf eigenen Füßen stehen zu können. Dazu möchte ich jede Frau ermutigen. Salonbesuche helfen dabei.

Salondamen – heutigentags

Salondamen – heutigentags


3 Comments »

  1. Helene sagt:

    Ein so wunderbarer Artikel. Ich bin vom Lesen noch ganz entzückt. Ich werde auf alle Fälle den Salon in Ruhla auch besuchen und bin schon gespannt. Vielen Dank für den wunderbaren Blog und ich wünsche mir noch viele Texte von Dir und schaue immer nach, was es Neues im Blog gibt
    LG Helene

  2. Helene sagt:

    Ich war inzwischen in dem wunderbaren Salon in Ruhla und war ganz entzückt. Eine Geselligkeit im Sinne von Rahel Varnhagen auf das Heute übertragen.
    Bitte, bitte weitermachen. Ich komme wieder!

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