Der auffallend andere Modeblog

Veröffentlicht am 4. November 2013 von Carola Wiegand

andermode1Heute gibt es fast kein Tabu mehr in der Kleidung. Jeder will gut aussehen und macht, was er will. Die alten Kleidercodes – elegant, formell, leger oder als Statussymbol – gelten nicht mehr. Sonntagsschuhe werden täglich angezogen. Frauen jenseits der 50 werden gerne als Graue Maus oder als Schriller Paradiesvogel wahrgenommen. Doch Frauen dieser Altersgruppe sind gewitzt. Sie entwickeln ihren ganz eigenen Stil. Nicht nur Stoffe und Schnitte, die alles gnädig verhüllen sind gefragt, auch Individualität, Vorlieben und Persönlichkeit werden getragen und zur Geltung gebracht. Sich jünger zu machen ist selten das Ziel. Im Gegenteil, sie haben ein sehr realistisches Bild von ihrem Aussehen. Aber es gibt eine große Lust, sich neu zu entdecken und keinen Zwang, sich einem Modediktat zu unterwerfen. Als ärgerlich empfinden viele nur, dass sich die Mode ausschließlich an der Figur junger Frauen orientiert.

andermode2Auffallen statt verschwinden“ – diese neue Lust, Altersexzentrik zu kultivieren, hat ein junger Amerikaner, Ari Seth Cohen, entdeckt und einen auffallend anderen Modeblog daraus gemacht. Darin geht es um Modemut, um gesellschaftlichen Wandel, um das Verschwinden von Klischees älterer Damen in beige und um die „Neuen Seniorinnen“ (natürlich auch Senioren, wenngleich sich diese zum Thema ‚Mode’ in vornehmer Zurückhaltung üben). Der Blogger, Ari Seth Cohen, interessiert sich für kreative, ältere Menschen und findet sie auf den Straßen oder in Museen von New York. Begonnen hat alles mit seiner modebewussten Großmutter. Je älter sie wurde, desto mutiger kleidete sie sich. Und Cohen fotografierte sie für seinen Blog. Doch er räumt auch ein, dass seine Models, die von sich selber sagen „… im Alter lieber etwas zu viel“, auch im verrückten New York eher die Ausnahme sind. Es sind Trendsetterinnen im Rentenalter, liebenswürdig und durchgeknallt. Cohen nähert sich dem Thema – demografischer Wandel – auf seine Art. Sein Fokus liegt bei Frauen jenseits der 50 und 60 auch deshalb, weil „… es Frauen schwerer haben als Männer, wenn sie älter werden. Oft werden sie kritisiert für ihr Äußeres, ihren Stil, ihre Figur und manche beginnen langsam unsichtbar zu werden.“ Es geht den Damen in Cohens Modeblog „Advanced Style“ weniger um Mode, als darum, sich zu präsentieren. Ihr Stil integriert stylische Extravaganz, gemütliche Bequemlichkeit, Glitzerbrosche und Gehstock. Sie reklamieren für sich ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein. Cohen erzählt von den positiven Seiten des Älterwerdens, vom Nichtaufgeben und von zurückgewonnener Gelassenheit. Es geht um eine bestimmte Einstellung zum Leben und um eine kühne Freiheit, die erst das Alter mit sich bringt. Ihr Geheimnis: Gut angezogen, kann man die Zeit ein bisschen austricksen.

Nun mag mancher sagen, das sind Bilder aus dem verrückten und fernen New York, weit weg von unserer Alltagsrealität. Indes ist auch bei uns ein neues Modebewusstsein bei älteren Damen zu spüren und zu sehen. Das belegt eine Studie von Elke Giese vom Deutschen Modeinstitut Köln, wonach ältere Frauen weder jung noch alt aussehen wollen, sondern gut. Die Generation Beige, die im Nichts verschwindet, befindet sich auf dem Rückzug. Alles, was tendenziell zu große Langeweile verbreitete, wird gestrichen. Frauen wollen attraktiv aussehen, ohne ihr Alter zu verleugnen, stellen jedoch hin und wieder Unsicherheiten beim Einkauf modischer Dinge fest. Es fehlen definitiv neue Bilder einer Altersattraktivität, Bilder einer aufregend schönen Altersavantgarde, das positive Bild vom Alter! Mode spricht in jedem Alter eine nonverbale Sprache und hat sehr viel mit Kultur zu tun. Nicht kommunizieren gibt es nicht. Jeder zeigt mit seiner Art sich zu kleiden, dass und welche Ideen er hat. Und die Frage in der Mode ist nicht das Alter, sagt Elke Giese, sondern die Figur. Das Bedürfnis, gut auszusehen, ändert sich mit dem Alter nicht. Die Frauen 50 plus grenzen sich von traditionellen Altersbildern ab. Nur die Modeindustrie muss noch begreifen, welche Ausstrahlung das Alter haben kann. Eine sehr liebenswürdige, wie ich finde.

Was Ari Seth Cohen von seinen Models gelernt hat? Den Moment zu schätzen und das Leben zu genießen, statt sich zu ängstigen.


2 Comments »

  1. sonja sagt:

    Was für schöne Überlegungen zum Aussehen und zum Alter. Schöne Bilder, schöne Gedanken! Danke

  2. Petra sagt:

    Sehr schöne Aufnahmen und die Hüte finde ich sehr süss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.