Beharrliche Ungewißheit

Veröffentlicht am 4. Februar 2014 von Carola Wiegand

FragezeichenRDie Zukunft ist ungewiss. Was weiß ich schon und was ist sicher? Ich glaube, nicht viel. Doch damit lebe ich gut. Was nicht bedeutet, dass ich uninteressiert an Neuem bin. Ich schreibe einen Blog, habe ein Smart Phone und surfe liebend gerne im Internet. Nur hin und wieder befällt mich eine kleine Angst, den Anschluss zu verlieren, nicht mehr zu verstehen, wie unsere mediale Welt funktioniert. Immer dann, wenn mich jemand mit der größten Selbstverständlichkeit etwas fragt, wovon ich noch nie etwas gehört habe. Wissen Sie was eine WhatsApp ist? Ich hatte keine Ahnung. Es ist diese Vernarrtheit einer Sprachgemeinschaft, mit ihrem Internet-Slang, die mich manchmal verzweifeln lässt. Nichtwissen bereitet mir Stress, ich fühle mich ausgeschlossen.
Anders als meine Kinder bin ich nicht von klein auf mit dieser digitalen Technik groß geworden. Ich habe sie als „digitaler Einwanderer“ mehr oder weniger intensiv adaptiert, um damit zu arbeiten. Doch die Leichtigkeit im Umgang fehlt mir.
Ich gehöre der Generation „Wissen ist Macht“ an. Fleißig lernen, ein perfektes Zeugnis, ein erfolgreicher Job und alles ist gut. Doch so funktioniert die Welt schon lange nicht mehr. Das behagliche Gefühl, das eigene Leben planen zu können ist futsch. Stattdessen beherrschen Bastel-Biographien mit vielen Unbekannten und Zufällen unser Leben und die Arbeitswelt.
Während das Weltwissen in Internet-Zeiten mit riesigen Sprüngen voraneilt, kehren wir in unserem kleinen Kosmos zu überschaubaren Schritten zurück. Entscheidungen, die heute richtig sind, können morgen falsch sein. Wer weiß das schon. Es ist praktisch unmöglich alle Zusammenhänge zu erkennen oder gar zu verstehen. Was wir auch tun, Unsicherheit und Ungewissheit begleiten uns immer.
Nun könnte eine Lösung sein, dass man diese Ungewissheit, die durch rasend schnelle Veränderungen verursacht wird, als das ‚imaginär Stetige’ akzeptiert. Oder besser noch, es wendet und daraus Inspiration schöpft. Klingt schön, aber theoretisch.
Für mich heißt das, dass ich dem vielen neuen Wissen ständig, jedoch marginal, auf der Spur bin, gut damit lebe aber auch schon lange nicht mehr erste Präferenz auf dem Arbeitsmarkt bin. Für Ältere, die ihre Arbeit verloren haben ist es schwer bis unmöglich eine neue zu finden.
Junge, gut ausgebildete und technikaffine Leute, für die Computerspiele, Internet und Mobiltelefon integraler Bestandteil ihres bisherigen Lebens waren, entwickeln andere Denkmuster und Möglichkeiten mit Informationen umzugehen. Orientierungswissen und vernetztes Denken sind heute die Schlagworte. Damit sind sie per se prädestiniert auf dem Arbeitsmarkt.

Doch das Phänomen – gut ausgebildet, kreativ und arbeitslos – ist nicht nur in der Altersgruppe 50 plus verstärkt zu finden, auch bei jungen Menschen. Bei vielen geht es nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung gar nicht mehr darum, Träume zu verwirklichen oder einen Traumjob zu finden. Es geht um eine normale Arbeit, die ein ebensolches Einkommen sichert. Viele Junge, die glaubten bisher alles richtig gemacht zu haben, wenden sich häufig enttäuscht ab, da eine angemessene Arbeit schwer zu finden ist. „Ein Leben zwischen sozialer Hängematte und Wunschbild, gefüllt mit zu vielen Spekulationen und Blendwerk“ beschrieb es einmal ein junger Mann. Die bestmögliche Chance endet dann doch nur bei Hartz IV. Ich fange an zu verstehen, dass Ungewissheit und Unsicherheit alterslos sind, gerade auf dem Arbeitsmarkt.
Doch wie passen Fachkräftemangel und gut ausgebildeten Arbeitslose zusammen? Antwort: „Das mit dem Fachkräftemangel ist ein bisschen so, als würden die Arbeitgeber auf einem Sack Kartoffeln sitzen und Hungersnot schreien, weil kein Reis mehr da ist.“
Fest steht, dass sowohl bei Jung und Alt Potenziale brach liegen und nicht genutzt werden. Um beide einzubeziehen, bedarf es dringend einer neuen Arbeitskultur und ein wenig mehr Solidarität.
Ein neues Miteinander ist gefragt, in dem das Erfahrungswissen der Älteren mit dem technologieorientierten Engagement der Jüngeren wunderbar kombiniert werden kann. Wenn Rahmenbedingungen für ein wohlwollendes Miteinander geschaffen werden ist es durchaus denkbar, dass der „kurzsichtige Arbeitgeber“ bald von seinem „Kartoffelsack“ kullern könnte.
Damit würde der Arbeitsmarkt auch in Zukunft kein risikofreies Terrain sein und nicht alle Ungewissheit beseitigt, aber das Problem des Fachkräftemangels wäre schon mal minimiert.
Und außerdem fände ich es sehr traurig, wenn junge Leute begännen, nicht mehr an die Verwirklichung ihrer Träume zu glauben.

Carola Wiegand


1 Kommentar »

  1. sternchen sagt:

    hey calu, dein Artikel gefällt mir sehr gut. genau so ist es. jung gegen alt ausgespielt, fertig. aber so einfach ist das nicht. aber wer beginnt ein neues miteinander zu gestalten, schöne Aufgabe, denke doch bitte weiter darüber nach, ich willes auch tun
    sternchen

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