Au-pair Oma

Veröffentlicht am 1. März 2014 von Carola Wiegand

… oder der Besuch einer liebenswürdig-couragierten Dame

l+p2013
Der Bezug zu Dürrenmatts Welterfolg „Der Besuch der alten Dame“ liegt nur scheinbar nahe. Eine reizende, ältere Dame beschließt zu verreisen. Aber nicht einfach so, sondern mit Ziel und Zweck. Gier, Doppelmoral oder auch Falschheit, so wie bei Dürrenmatt, sind nicht die Beweggründe. Auch nicht die Versuchung des Geldes. Pure Lebenslust, Freude am Abenteuer und die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches sind die Auslöser. Ruhiger Lebensabend, die Plüsch-Couch-Garnitur, deren Staubschicht schon vom Zahn der Zeit angenagt ist, angesammelter Klimbim und Plunder, den man zu oft für die schöne Erinnerung braucht, ständig gestresste Kinder und keiner hat so richtig Zeit für den anderen. Gerade das bringt agile ältere Damen auf neue Ideen. Einmal das traute Heim verlassen, wenn auch nur für eine gewisse Zeit und Au-pair Oma werden. Raus aus der Lethargie des Älterwerdens und wieder spüren wie es sich anfühlt, gebraucht zu werden. Plötzlich entsteht Raum für noch andere unerfüllte Wünsche, die zu einer Art Versäumnis im bisherigen Leben zählen. Denken fernab von Altersgrenzen. Das, was Oma tun will, kann sie nun selber wählen.

nachgedacht

nachgedacht

„Oma fasst einen Plan und wenn sich Oma was in den Kopf setzt, tut sie es auch.“ erklärt mir eine junge Frau. Statt die häusliche Idylle zu genießen heißt es, die Welt erobern und einen Traum verwirklichen. Und was noch besser ist, Oma nimmt die Unternehmung selbst in die Hand. Ältere Damen mit Gelassenheit, Lebenserfahrung und ein wenig Abenteuerlust sind der neue Exportschlager Deutschlands! Eine große Herausforderung ist es in der Tat, auch für die Mutigen. Die Au-pair Zeit muss realistisch eingeschätzt, das passende Land gefunden und die Bedingungen für den gesamten Aufenthalt geklärt werden. Alle Herausforderungen, die da kommen werden, sind voraus zu ahnen, zu bewerten und soweit es geht, im Vorfeld zu lösen. Lediglich bei der Kontaktvermittlung zur künftigen Familie hilft den unternehmungslustigen Damen eine Agentur.
Frau Hansen, Agenturchefin, beschreibt es so: „Fernweh kennt kein Alter. Granny Au-pair ist perfekt geeignet für unternehmungslustige, vitale und unabhängige Frauen. Geduld, Selbständigkeit und Toleranz sind ebensolche Voraussetzungen wie, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, um das kleine Abenteuer in einem fremden Kulturkreis zu bestehen. Natürlich kann es auch schiefgehen.“ Sprachliche Barrieren, unbekannte Gepflogenheiten und Mentalitätsunterschiede sind zu meistern.
Doch getreu ihrem Motto „Augen auf und durch“ plädiert sie dafür, diese Zeit als Chance zu sehen und Momente der Freiheit bewusst zu erleben, abseits angepasster Gewohnheiten und fernab von jedem touristischen Spektakel.
Der Aufenthalt beläuft sich zwischen zwei Monaten und einem Jahr und kann so oft wiederholt werden, wie Frau es will oder die Geldschatulle es hergibt. Au-pair bedeutet „Auf Gegenseitigkeit“. Der Aufenthalt vor Ort, die Hilfe und Unterstützung in der Gastfamilie verrechnet sich mit Kost und Logis. Manchmal gibt es noch ein kleines Taschengeld, doch das ist freiwillig. Die zu erbringenden Leistungen gehen von Kinderbetreuung, Hausarbeit über Gesellschafterin, Haustierbetreuung bis hin zu Gartenarbeiten. Da muss sich im Vorfeld jede Reiselustige im Klaren werden, was sie von dieser Zeit erwartet und was sie ihr bringen soll. Sonst kann dieses Abenteuer leicht als große Enttäuschung enden. Doch nur jede zehnte Au-pair-Oma verlässt ihre Gastfamilie vorzeitig und unzufrieden.
Die meisten Frauen verstehen sich nicht als bloße Arbeitskraft oder Putzhilfe, sie schätzen und suchen eine entspannt-liebenswürdige Familienatmosphäre. Dennoch ist ihnen sehr wohl bewusst, dass sie nicht jeden Tag die größte Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren und hin und wieder mehr als Arbeitskraft, denn als Familienmitglied gesehen werden. Doch das schreckt sie nicht, die mutigen Frauen.
Fragen wie, werde ich die Hürden des Alltags meistern oder wie gehe ich mit Problemen in der Familie um, sind im Vorfeld sowieso nicht zu klären. Hier heißt es, ins kalte Wasser springen und losschwimmen.
Warum tut sich das eine Frau an, wo sie es auch ruhig und wohlgeordnet haben könnte? Die immer gleiche Antwort lautet: „Es gibt mir neue Energie, Inspiration und Lebensfreude!“ Die Furchtlosen stellen sich kess einer neuen Herausforderung und meistern sie. So einfach ist das. Jede von ihnen ist für mich auf eine stille und unaufgeregte Art, eine Heldin des Alltags. Was im Leben zählt ist manchmal nur ein bisschen Mut. Und Freiheit ist ein Gefühl, an das man hin und wieder erinnert werden muss.
Bei allen diesen Überlegungen sehe ich doch einen klitzekleinen Bezug zu Dürrenmatts altem Stück.

Carola Wiegand


2 Comments »

  1. sternchen sagt:

    Wie gut mir diese Gedanken gefallen. Chapeau!!
    Ich glaube, das es sehr mutig ist, sowas zu beginnen und zu machen. Kennst du so eine Frau persönlich? Ich überlege auch
    LG Dixi S.

  2. prinzesschen sagt:

    Und die zwei Mädchen sind erstmal süss.

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