FERNWEH – HEIMWEH

Veröffentlicht am 1. Juli 2014 von Carola Wiegand

… ein Gefühl, das etwas fehlt

fernwehkoffergarten670Kennen sie Fernweh, das Gefühl, das etwas fehlt? Mir ist dieses vage Gefühl nach etwas anderem sehr gut bekannt, manchmal leide ich sogar darunter. Eine schmerzhafte Empfindung, nicht weg zu sein. Unsere gut organisierte und geregelte Welt verlassen und sehen, was passiert.
Sommerzeit, Urlaubszeit, Reisezeit. Die Sehnsucht nach der Ferne schmeckt immer süß, manchmal auch ein bisschen bitter. Sie folgt nie nur einem Muster. Birgt jedoch per se die Illusion von Abenteuer und verschafft den Zugang zu einer Welt voller großartiger Ereignisse und sich selber das Gefühl, Teil dessen zu sein. Verreisen, etwas erleben, um davon zu erzählen, gehört für die meisten zu den prägendsten Erfahrungen.
Den Wunsch zu verreisen, kann ich durchaus verstehen. Weiße Strände, klangvolle Namen und ein bisschen Geld im Portemonnaie mehr braucht es oft nicht, um vom Fernweh infiziert zu werden. Fernweh bietet immer die Bühne für große Auf- und Abtritte, da die Fernkulisse farbenfroh, turbulent und außergewöhnlich erscheint. Fernweh ist ein umfassendes „Selbstoptimierungsprogramm“ und passt sich der Arbeitswelt an. „Ich möchte sehen, ob ich auf eigenen Füssen stehen kann und alleine klarkomme. … die eigene Ahnungslosigkeit verlassen.“ erklärte mir eine junge Frau, die beschloss, alleine eine längere Reise in ein fernes Land zu unternehmen.
Die Schwester vom Fernweh ist das Heimweh. Die Sehnsucht in der Fremde nach der Heimat. Der Schweizer Arzt Johannes Hofer hat diese traurige Melancholie erstmals 1688 als Krankheitsbild beschrieben, als „Schweizerkrankheit – Morbus Helveticus“. Den Soldaten, die in die Fremde verkauft wurden, fehlte zu jener Zeit die feine, leichte Luft der Schweizer Berge. Herz und Hirn konnten leicht Schaden erleiden, so dass diese Seelenqual in einigen wenigen Fällen mit Todesfolge endete, berichtete Hofer. Ein kompliziert zu beschreibender Begriff und was es genau ist, kann keiner so richtig sagen. Heimweh tut weh.
Fernweh ist ein, aus Heimweh abgeleitetes Kunstwort, für das es in den meisten anderen Sprachen kein entsprechendes Wort gibt. Die Diagnose „Fernweh“ hat bisher noch kein Arzt gestellt. Es äußert sich in Vorfreude und fröhlicher Aufregung und wurde wesentlich durch die dichterische Wanderlust im 19. Jahrhundert geprägt. Die Trennung in Ferne und Nähe, Zuhause und Woanders hat viele Schriftsteller umgetrieben. Sie lieferten die ersten Bilder für Fernweh-Gefühlsdispositionen. Heute ist Fernweh das Kennzeichen unserer schicken, gebildeten Konsumgesellschaft und gut für das eigene Selbstverständnis. Es hat etwas mit „Zauber“ zu tun. Der Blick auf die Akropolis, über Olivenhaine oder auf die Rialto Brücke in Venedig ist Zauber pur! Für mich heißt es, neue Erfahrungen sammeln, gelassener und spontaner werden. Ich will was lernen und erleben!
Da Verreisen auch immer mit der Fülle oder Beschränktheit der Geldbörse zu tun hat, muss manchmal das Fernweh überlistet werden. Aus diesem Grunde wurde das Projekt „Weltreise durch’s Wohnzimmer“ ins Leben gerufen. Wer Fernweh hat meldet sich an bei einem ausländischen Mitbürger, der als „Reiseführer“ seine eigenen vier Wände vorstellt und sein Heimatland mit allen Besonderheiten und dem Alltäglichen. Womit man einen Eindruck vom Wunschreiseland aus erster Hand bekommt und das an nur einem Nachmittag. So kann Bogotá vielleicht im Nachbarhaus gegenüber liegen. Ich glaube, mit ein bisschen virtueller Phantasie kann man jeden Ort zu einem Sehnsuchtsort machen und Bücher und das Internet helfen, weltweit unterwegs zu sein. Es kommt darauf an, dass man sich öffnet für das Neue und Unerwartete, das wir ebenso in der Nähe, wie auch in der Ferne finden. Der Autor, Jürgen Hosemann spricht von einem „… Bahnhofs- und Aussichtsturmgefühl, das sich nicht unterwegs, sondern zu Hause einstellt.“
Ganz anders sieht es mit dem Fernweh – Heimweh – Symptom aus, angesichts der weltweiten Migration und millionenfachen Heimatverlorenheit vieler Menschen. Hier haben diese Begriffe jegliche „wohlige Melancholie“ verloren. Sie stehen für Identitätsverlust, verlorene Gemeinschaft, oft gewaltsamer Übergriffe, mit existenzieller Schärfe. Sie leiden an unfreiwilliger kultureller Entfremdung und Diskriminierung. Ihre Heimweh-Fernweh-Ansicht hat mit unserer nicht viel gemein. Ihre Sehnsucht nach dem Anderswo verursacht ihnen großes Unbehagen im Hier und Jetzt.
Manchmal stelle ich mir vor, wo ich glücklich sein möchte, hier oder anderswo? Doch ich bin mir sicher, wer in der Welt zu Hause ist, hat immer Fernweh aber eigentlich auch Heimweh!

Carola Wiegand


3 Comments »

  1. sternchen sagt:

    Schöne Sichtweise zu Fern-und Heimweh. An einem von beiden leide ich auch immer ein bisschen. Kommt darauf an, wo ich bin. Sehr schöne Gedanken! Gruß S.

  2. Jackelyn Aragón Gómez sagt:

    „Weltreise durch’s Wohnzimmer“ finde ich toll! Gerne wurde ich jemand über meine Heimatländer Venezuela und Kolumbien erzählen… . Schöne Grüße, Jackelyn

  3. Calu sagt:

    Überlege doch mal, wie Du das machen könntest. Würde ich sehr sehr gut finden und auch kommen! c

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